Rem Koolhaas


Architektur ist laut Schilling „erstarrte Musik.“ Die Bauten von Rem Koolhaas, dem wohl einflussreichsten Architekten der Gegenwart, scheinen dies zu bestätigen. In ihrer radikalen und immer wieder atemberaubenden Modernität erinnern sie mich an Dimitri Shostakovich oder David Bowies „Diamond Dogs.“ Koolhaas selbst muss bei der Frage nach dem musikalischen Bezug seiner Arbeit lachen. Nein. Architektur sei keine erstarrte Musik. Er betrachtet die Gebäude, die er und sein in Rotterdam ansässiges Architekturbüro OMA (kurz für Office for Metropolitan Architecture) gestalten, eher als „erstarrte Episoden – wie in einem Film.“

 

Wir stehen in einem Mailänder Arbeiter-Café und trinken noch rasch einen Espresso. Koolhaas ist gerade erst in Mailand gelandet. Das Wochenende hat er auf einer einsamen Mittelmeerinsel in einer Hütte verbracht, weit weg von jeglicher Architektur. Er erzählt, dass bevor er sich entschied, Architekt zu werden, er als Filmjournalist und Drehbuchautor gearbeitet habe. Der Bezug zum Kino ist geblieben. Und alles, was einen guten Film auszeichnet, ist denn auch das, was Koolhaas’ Architektur so außergewöhnlich macht: Das Drama des Unerwarteten, die Spannung der Gegensätze, das Eintauchen in einen emotionalen Raum, der einen die Welt draußen mit anderen Augen sehen lässt.

 

„Die Arbeit eines Architekten ist der eines Regisseurs sehr ähnlich. Beide wollen eine Idee verwirklichen und beide müssen dazu kreative und praktische Entscheidungen für ein großes Team treffen, wobei der Spielraum durch logistische Notwendigkeiten oft sehr eingeschränkt ist. Und jede noch so kleine Entscheidung hat eine bleibende Wirkung,“ so Koolhaas. Mittlerweile gehen wir schnellen Schrittes zurück zur Mailänder Dependance des OMA. Vor uns liegt die von Koolhaas entworfene Fondazione Prada – ein architektonisch ebenso elegant wie verblüffendes Museum für Gegenwartskunst, das das Herzstück seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Miucchia Prada darstellt.  Die Fondazione befindet sich in einer ehemaligen Destilliere und auch sonst wirkt alles sehr industriell. Zu unserer Linken liegt eine Baustelle. Mit einem Mal fühle ich mich, als wäre ich auf einem Filmset des italienischen Neorealismus gelandet.

 

Wenn Kino die Industrie des Begehrens ist, dann ist Architektur die Industrie der Möglichkeiten. Ein Architekt schafft Raum für die Bühne des Lebens. Das Interessante an Koolhaas und seinen Mitstreitern bei OMA ist, dass sie sich auch immer wieder mit Begehrlichkeiten und Träumen beschäftigen, die diese Bühne füllen. Begehren, Träume, Illusion – das ist eben auch Mode. Für Prada beispielsweise entwarf Koolhaas Flagship Stores in Los Angeles und New York, die das Modehaus in ein völlig neues Licht irgendwo zwischen Utopie und Dystopie stellten. Ebenso die fantastischen Sets der Prada Modeschauen, die Koolhaas OMA Partner Ippo Pastellini Laparelli gestaltet. Mode und Konsum sind die Bereiche des Alltagslebens, wo Träume und Realität sich überschneiden. Wo wir versuchen, die lustbesetzten Dramen, die wir schon zig Mal in unserem Kopf durchgespielt haben, durch den Erwerb z.B. eines Kleids, einer Handtasche oder vielleicht auch eines Parfums in Realität umzusetzen.

 

„Shopping ist eins der letzten sozialen Rituale, das uns als Gesellschaft geblieben ist und bei dem wir uns als Teil des Kollektivs fühlen,“ so Koolhaas. „Aber bei uns in der westeuropäischen Gesellschaft gilt es als geschmacklos zuzugeben, dass man gerne einkaufen geht oder dabei Lust empfindet. Jeder tut es, aber die wenigsten können einigermaßen eloquent darüber reden, was sie da tun oder warum – bzw. ihr schlechtes Gewissen überwinden.“ Und weil dem so ist, entwerfen die anderen großen Stararchitekten lieber Fußballstadien oder Museen. Koolhaas ist der einzige unter ihnen, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Konsumtempel und damit einen zentralen Bereich des westlichen Alltagslebens zu revolutionieren.

 

Koolhaas neuestes Großprojekt ist dabei der Umbau des KaDeWe in Berlin. Gemeinsam mit Pestellini Laparelli wird er dem Kaufhaus, das neben dem Brandenburger Tor Berlins bekannteste Touristenattraktion darstellt, ein neues Innenleben verpassen. Die Bauarbeiten sollen diesen Herbst beginnen. Da das KaDeWe dabei immer geöffnet bleiben wird, ist derzeit eine Bauzeit von sieben Jahren angesetzt.

 

„Das KaDeWe ist das größte Kaufhaus Europas. Das Gebäude hat eine unglaublich komplexe Geschichte. Es wurde 1907 gebaut, und was man heute sieht, ist das Resultat von vielfachen Transformationen und Umbauten,“ so Pestellini Laparelli, einem gebürtigen Italiener Mitte 30, der nun mit uns am langen Konferenztisch umgeben von hohen Bücherregalen sitzt. „Die Geschichte der europäischen Kaufhäuser ist faszinierend, aber so gut wie gar nicht bekannt oder dokumentiert,“ wirft Koolhaas ein. „Das KaDeWe beispielsweise wurde nach dem zweiten Weltkrieg zum Symbol der westlichen Marktwirtschaft und war als solches auch ein Propagandamittel während des Kalten Kriegs. Mit diesem Umbau sezieren wir quasi die Anatomie des deutschen Kapitalismus der letzten 60 Jahre.“

 

Beide Architekten sind tief in ihrer Materie, wodurch das Gespräch mit ihnen extrem spannend ist. Für Koolhaas, der am Anfang seiner Architektenkarriere nicht mit seinen Gebäuden, sondern vielmehr mit seinem Manifest „Delirious New York“ über New York als Endstadium der westlichen Zivilisation Furore machte, ist Architektur dabei immer auch ein Weg, um über Gesellschaft und Kultur nachzudenken und den Status Quo zu verbessern. Architektur ist bei ihm immer auch politisch.

 

Gerade was das Thema Shopping anbelangt, ist Koolhaas wohl einer der größten Kritiker der momentan geläufigen Architektur in diesem Bereich.  In seiner berühmten Streitschrift „Junkspace“ aus seinem 800-seitigen „Harvard Guide to Shopping“ über die Architektur von Einkaufszentren prangert er die seelenlose Konsumarchitektur an, die sich wie ein Virus über den Globus verbreitet und alles Disney-fiziert. Wenn Architektur tatsächlich Film ist, wie Koolhaas sagt, dann wäre Junkspace das Equivalent einer Rosamunde Pilcher Schnulze.

 

Die Frage, die sich mir da natürlich stellt: Was wird im KaDeWe anders werden? Wird das neue KaDeWe die Kaufhaus Konventionen revolutionieren?

 

An erster Stelle geht es den beiden Architekten darum, ein Gefühl zu unterbrechen, das J.G. Ballard in seinem letzten Roman „Kingdom Come“ als „ewige Konsumgegenwart“ beschrieb. In dieser „Konsumgegenwart“ ist die Zeit und die Welt draußen stehen geblieben. Die Menschen grasen wie glückliche Haustiere im ewigen Konsumfrieden. „Wir wollen dieses Gefühl der Unendlichkeit beenden,“ so Koolhaas und Pestellini Laparelli fügt hinzu: „Derzeit kann man im KaDeWe sehr leicht die Orientierung verlieren und sich völlig verlaufen. Das hat zwar auch seinen Reiz, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.“

 

Den byzantinische Irrgarten aus Marken-Logos und Kleiderständern, der derzeit das KaDeWe kennzeichnet, wollen Koolhaas und Pestellini Laparelli dadurch übersichtlicher gestalten, indem sie das KaDeWe in vier Blöcke unterteilen. Jeder dieser Blöcke wird sein eigenes Atrium besitzen, durch das Besucher per Rolltreppe in das nächste Stockwerk gelangen. „Jedes Atrium hat einen ganz eigenen Charakter – vier völlig unterschiedliche Designs mit unterschiedlichen Materialien, die völlig unterschiedliche Käufergruppen ansprechen. Der Unterschied zwischen den vier Blöcken soll wirklich recht dramatisch sein – so als hätte man vier Kaufhäuser in einem,“ erklärt Pestellini Laparelli. „Das hat fast schon etwas von Stadtplanung, denn wir kreieren hier vier verschiedene Nachbarschaften – was auch Berlin als Stadt mit seinen sehr spezifischen Bezirken reflektiert,“ ergänzt Koolhaas, der viel Zeit in der nigerianischen Millionenstadt Lagos verbrachte und studierte, wie sich im Chaos und der Anarchie dieser Stadt von ganz alleine Strukturen und Bezirke entwickelten. „Dabei habe ich vor allem gelernt, dass jeder Zentimeter zählt! Es gab da eine Frau, die hat von ihrem ein Quadratmeter großen Fisch-Laden die Universitätsausbildung ihrer zwei Kinder in den USA finanziert. Das war beeindruckend.“

 

Ein weiteres Labyrinth, das es gilt, übersichtlicher zu gestalten, ist die Feinkostabteilung des KaDeWe. „Das ist einer der erstaunlichsten kulturellen Geheimorte, dem ich jemals begegnet bin. Nur Berliner scheinen ihn zu kennen!“ lächelt Koolhaas.   Zum Erstaunen der beiden Architekten wird in der Delikatessen Abteilung auch Essen zubereitet. Z.B. gibt es eine eigene Bäckerei, die 60 Restaurants in der Stadt beliefert. „Das ist wirklich etwas Besonderes und das wollen wir den Kaufhausbesuchern zeigen,“ so Pestellini Laparelli.“ Außerdem soll die Vorderseite des Dachs mit einer Glaskonstruktion ersetzt werden, die das Restaurant beherbergen wird. Koolhaas ergänzt: „Nachts wird das wie eine Art pulsierende Laterne wirken, die die Leute auch von weitem sehen können. Der Blick von dort auf Berlin bei Nacht ist so atemberaubend, wir hätten es als Verbrechen empfunden, wenn das Restaurant abends geschlossen wäre. Deswegen wird es einen Aufzug geben, der nach Ladenschluss die Leute direkt ins Restaurant befördert.“

 

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Umstrukturierung des KaDeWe ist die Präsenz der Marken. „Das Konzept der Marke macht mich grundsätzlich nervös. Denn eine Marke bedeutet, einen Designer oder Modehaus auf seine Essenz zu destillieren und diese Essenz dann ständig zu wiederholen. Die Identität dieser Marke wird dadurch sehr statisch und absolut vorhersehbar,“ so Koolhaas und er betont: „Bei mir löst es Platzangst aus, wenn eine Identität zu offensichtlich oder zu starr ist. Ich brauche immer eine Fluchtmöglichkeit vor dem Offensichtlichen.“

 

Die Fluidität und Unvorhersehbarkeit der Markenidentität, die für Koolhaas in seiner Zusammenarbeit mit Prada sehr wichtig ist, will er nun auch im KaDeWe verstärkt einbringen. Gemeinsam mit Pestellini Laparelli will Koolhaas, der einmal sagte „Risiko ist essentiell für eine lebendige und intelligente Gesellschaft,“ im KaDeWe Raum für Experimente schaffen. Diese Flächen soll nicht an die großen Marken vermietet, sondern z.B. für kulturelle Aktivitäten wie Ausstellungen oder Konzerte genutzt werden. Ein Beispiel, wie das aussehen könnte, ist das „Imaginarium,“ das Koolhaas für das Londoner Kaufhaus Selfridges baute: Ein kleines Amphitheater aus Neon-Würfeln, wo während des „Festival of Imagination“ Vorlesungen und Workshops zum Thema „The Power of the Mind“ stattfanden.

 

„Bei unseren Recherchen haben wir festgestellt, dass Kaufhäuser früher wesentlich revolutionärer waren – es gab nicht diese hermetisch abgeriegelte Konsum-Hyperrealität, wo jede Form von kritischem Denken ausgeschaltet wird. Damals hat Zeitgeschehen und Realität auch im Kaufhaus stattgefunden,“ so Koolhaas und Pestellini Laparelli zeigt mir Fotos von einem großen Konzert mit Edith Piaff im LaFayette in Paris, das dort während eines Generalstreiks für die Bevölkerung veranstaltet wurde. Er fügt hinzu: „In vieler Hinsicht wollen wir zu dem zurück kehren, wie das KaDeWe früher war. Beispielsweise war das Erdgeschoss früher viel offener und die Schaufenster größer. Das Kaufhaus hat dort früher unfasslich elaborierte und fantastische Dekorationen aufgebaut. So etwas kann sehr aufregend sein und diese Freiheit wollen wir dem KaDeWe wieder ermöglichen.“

 

Dass ein Kaufhaus wie das LaFayette ein kostenloses Konzert während eines Generalstreiks veranstaltet, ist Ausdruck eines Unternehmens-Ethos der öffentlichen Verantwortung. Auch die Fondazione Prada füllt in Mailand eine kulturelle Lücke, denn es gibt in der Stadt kein öffentliches Museum für Gegenwartskunst. Mit ihrer Arbeit in Berlin ermöglichen Rem Koolhaas und Ippo Pestellini Laparelli nun auch dem KaDeWe, verstärkt ihrer Rolle als Berliner Institution gerecht zu werden. Ein Kaufhaus als ebenso aktiver wie integraler Teil des Großstadtlebens.

 

Natürlich bleibt das KaDeWe dabei immer noch Konsumtempel. Politik wird anderswo stattfinden. Aber ist wird hoffentlich ein Tempel sein, wo es Raum zum Denken gibt. Nach unserem Gespräch führen mich Koolhaas und Pestellini Laparelli durch die Fondazione. Langsam setzt sich die Sonne. Für einen Moment strahlt alles im tiefen Gold des Nachmittags, und ich sehe nur noch Silhouetten. Ich muss an die Aftershow Party für die Schweizer Premiere von „Der Baader Meinhof Komplex“ denken, die in einem Züricher Kaufhaus stattfand. Angesichts der Tatsache, dass Andreas Baader und Gudrun Ensslin ihre terroristischen Aktivitäten mit einem Brandanschlag auf ein Kaufhaus begannen, eine surreale Lokation. Ich saß neben Peter Fonda, der gerade den Film gesehen hatte und begeistert darüber sprach. Plötzlich hielt er inne, ließ den Blick über die mit Haushaltswaren gefüllten Regale schweifen, schüttelte den Kopf und sagte leise seinen berühmten Satz aus Easy Rider: „We blew it , man…. We blew it.“ Ich wünschte, Rem Koolhaas hätte mit uns am Tisch gesessen und ihm von seinen Plänen für das neue KaDeWe erzählt.

 

Published in Vogue, Germany, July 2016 issue.