Die IOO Wichtigsten Dinge

Gegenstände sind per se nicht erstrebenswert. Ob Auto, Sofa, jedwede Wandverkleidung, Körperdekoration oder sonstige Dinge. Sie alle sind nichts anderes als die Fesseln, die einen an die Höhlenwand ketten und einen davon abhalten, ans Licht zu gehen und die herrliche Wahrhaftigkeit zu erblicken. Dinge verdammen uns dazu, bis an unser Lebensende in den Schatten an der Wand nach Andeutungen von Sinn zu suchen.

 

So dachte ich mir das jedenfalls, als ich jung und Platon-verwirrt war. Also zog ich nach London, wo alles so teuer ist, dass Besitz für die meisten Leute ein abstraktes Konzept darstellt. Die Lektüre von Karl Marx tat das Übrige und konsequenter Weise lebte ich denn jahrelang so, dass mein gesamtes Hab und Gut stets in ein Londoner Taxi passte. Bis ich irgendwann feststellte, dass obwohl jeder Londoner Taxifahrer eine Prüfung namens „The Knowledge“ ablegen muss, mich auch Londoner Taxis nicht zum Höhlenausgang befördern würden.

 

Mittlerweile bin ich klüger oder vielleicht auch nur bequemer. Ich bin zwar immer noch der Ansicht, dass es im Leben darum geht, die phänomenale Welt hinter sich zu lassen und nach dem Sublimen zu streben. Aber sehr oft versteckt sich das Sublime eben im Phänomenalen. Und natürlich ist es vom Sublimen zum Lächerlichen zu ein winziger Schritt, aber das ist eine andere Geschichte und Napoleon Bonaparte gehört nicht wirklich in diesen Text. Es bedarf keines imperialen Gedankenguts, um zu behaupten: Die Dinge, die uns umgeben bzw unsere Realität, sind nichts anderes als ein Spielzeugkasten, aus denen man sich seine Träume, Ängste, Aspirationen und Erinnerungen baut. In diesem Sinne verkauft eben auch IKEA nichts anderes als Rohmaterial für unsere individuelle Traumafabrik.

 

Wie die unterschiedlichsten Emotionen und Erinnerungen in einem Gegenstand kollidieren können, wurde mir vor kurzem bewusst, als ich mir eine mit Kuhfell bezogene Corbusier Liege kaufte. Für jemanden wie mich, die jahrelang die Existenz einer Möbelbesitz-Verweigerin führte, ein Schritt von Armstrong-haften Dimensionen. Dieses Liegen-Modell liebe ich, seit ich 14 Jahre alt war und die Moderne für mich entdeckt hatte, aber wie schon erwähnt, das Graecum war mir in die Quere gekommen und es hatte dann 30 Jahre bis zum Erwerb gedauert. Wichtig war mir bei dieser Liege vor allem das Kuhfell.

 

Die Sache ist nämlich die: Meine Mutter stammt von einem Bauernhof in Hessen. Als ich klein war, fuhren wir oft dorthin. In diesem Bauernhof gab es zwei Wohnzimmer. Das eine war das feine Wohnzimmer, in dem es stets nach Putzmittel roch und sich außer an Familienfeiern wie Geburtstage oder Beerdigungen nie jemand aufhielt. Dort hing an der Wand ein eingerahmtes Kuhfell, an das mein Onkel alle Preise geheftet hatte, die seine Milchkühe gewonnen hatten. Da er eine Ausnahme-Kuh namens Gloria besaß, waren es sehr viele Preise. Das wahre Leben fand allerdings im Kuhstallwohnzimmer statt. Kuhstall- deswegen, weil man sich darin in Stallkleidung aufhalten durfte. Hier stand der Fernseher und der Tisch, an dem Schach gespielt wurde, sowie die Liege, auf der mein Onkel Mittagsschlaf hielt. Und alles war durchdrungen vom Geruch von Stroh und Kuhscheiße. Ein hoch gemütlicher Raum. Als Kind tat es mir immer leid um das arme Kuhfell so alleine im Putzmittelwohnzimmer. Das war natürlich noch zu einer Zeit, als ich dachte, dass mein Teddybär Hermann mir wichtige Dinge mitzuteilen hätte.

 

Eines Tages dann, ich war schon aus dem Teddy Alter heraus gewachsen und muss etwa elf Jahre alt gewesen sein, saß ich im Kuhstallwohnzimmer und machte meine Hausaufgaben. Mein Onkel lag auf der Liege und hielt Mittagsschlaf. Er schnarchte sehr laut. Gleichzeitig lief der Fernseher. Volker Schlöndorffs „Die Bleichtrommel“ wurde gezeigt. Ich war absolut fasziniert, vor allem weil der Erzähler ein Kind war wie ich. Spätestens bei der ersten Sexszene wurde mir allerdings klar, dass wenn mein Onkel aufwachen und bemerken würde, was ich mir da ansah, er den Fernseher sofort ausschalten würde. „Die Blechtrommel“ entsprach garantiert nicht seiner Vorstellung von Kinderfernsehen, soviel konnte ich mir denken. Und so betete ich denn, dass sein Schnarchen nicht aufhören würde und bangte bei jedem seiner lärmenden Atemzüge, dass auch sofort der nächste kommen würde. Es war mein erstes großes Kinoerlebnis. Noch heute verbinde ich diese verbotene visuelle Lust mit dem Geruch von Kuhscheiße.

 

Deswegen steht nun meine mit Kuhfell bezogene Corbusier Liege vor meinem überdimensional großen Fernseher, der noch von meinem verstorbenen Mann Bernd stammt und der einer Kinoleinwand relativ nah kommt. Sie erinnert mich daran, dass das Spiel von Licht und Schatten genau das ist, was die phänomenale Welt für mich sublim macht. Und wenn ich auf ihr liege, dann flackert mein persönlicher Höhlenausgang direkt vor meinen Augen.

 

Published in “Die 100 wichtigsten Dinge” – Hatje Cantz Verlag, Dezember 2015

 

Click here to buy book.